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Peter Paul Jacob Hodiamont
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Peter P. J. Hodiamont

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Alter Ego - Die Jugend


Die zentralen Erlebnisse meiner JUGEND waren die Klosterjahre und der Zweite Weltkrieg. Meine Generation spricht von "gestohlenen" und "verlorenen" Jahren. Mir hat man nichts gestohlen, und ich habe nichts verloren.

Es ist genau das Gegenteil der Fall: diese kargen Jahre der Arbeitslosigkeit, ohne Apfelsinen und Pralinen, ohne Bafög und Sonntagsgeld, ohne laute Feste, leider auch ohne notwendige Zärtlichkeit, haben mich bereit und offen gemacht, sensibel für Innerlichkeiten menschlichen Lebens die heute vielen lauten Oberflächlichkeiten zum Opfer fallen. Es ist nicht mein Verdienst, wie es nicht die Schuld der Kinder der Wirtschaftswunder-Eltern ist, daß sie trotz des Registrierens täglicher Streicheleinheiten mutlos werden und depressiv, so daß die Anzahl der Suizide täglich steigt. Ich meine, die pubertäre Zeit sei das intensivste, den Weg bereitende, das ausschlaggebende und formende Stadium menschlichen Lebens.

Aus einem patriarchalisch geführten katholischen Hause stammend, habe ich damals schon das Obrigkeitsdenken gehaßt und mir die Freiheit des Ungehorsams gegenüber der Familie, dem Staat und der Kirche erlaubt.

Der Junge, den der Vater zur Geschlechtsuntersuchung zu einem Arzt führte und nachher erfuhr, daß der Arzt wegen Homosexualität verurteilt wurde, mußte nicht den Nürnberger Ärzte- Prozeß und den Millionen-Schwindel von Ärzten der Nachkriegszeit erleben, um an die Einhaltung des hyppokratischen Eides dieser Fachschaft zu zweifeln. Selbst wenn seit Jahren diese Berufsgruppe auf der höchsten Ansehensstufe eines Befragungsinstitutes steht, auf deren unterster Stufe die Künstler, Clowns und Prostituierten rangieren, so hat dies sicher mehr mit der Angst und Dummheit der Befragten zu tun als mit Ethos und Autorität.

Damals im Kloster und im Krieg ist meine Aufmerksamkeit erregt worden. Viele Geschehnisse registriert man zunächst physisch, begreifen wird man sie Jahrzehnte später.

Heute weiß ich, weshalb 1938 plötzlich Schüler mit simplen jüdischen Namen das Konvikt verlassen mußten. Heute weiß ich, daß der Superior des großen Hauses nicht plötzlich verschwunden war, weil er zu freimütig gegen die Nazis gepredigt hatte, sondern weil man ihn mit Schülern im Bett überrascht hatte.

Heute weiß ich, weshalb zum Zwecke der Bestrafung allabendlich alle Schüler eines Schlafsaales auf einen Stuhl gebeugt, mit hochgezogenem Nachthemd, Schläge eines Priesters erdulden mußten.

Heute weiß ich, weshalb ich nie mehr vor Menschen meinen Rücken gekrümmt habe und krümmen werde. Ich sehe noch die fette Hand des purpurnen Würdenträgers,dessen Ring wir Schüler kniend küssen mußten.

Ich sehe die Riesenwellen, das schnelle Sprinten und Laufen der größten Dummköpfe unserer Klasse, bewundert von eben solchen Dummköpfen, die nicht begriffen, daß Affen und Gazellen in dieser Disziplin seit dem fünften Schöpfungstag viel großartiger sind. Damals wurde zum mindesten über das olympische Postulat " mens sana in corpore sano" noch gesprochen. Das Erlebnis von Hitlers Olympiade 1936, der Aachener Heiligtumsfahrt 1937, der Pop-Konzerte und der Stierkämpfe in Nimes, der Kirchentage und der Katholikentage haben sehr starke Eindrücke in mir hinterlassen. Ich fürchte die Verführung der Massen.

Seitdem ich 1938 das in der sogenannten Kristallnacht brennende Geschäft eines jüdischen Freundes meines Vaters erlebte, glaube ich den Heuchlern, Schwächlingen, Opportunisten, Feiglingen und Dummköpfen nicht mehr, die nichts gesehen, gehört und gewußt haben und die wegen Arbeitslosigkeit stolz das Parteizeichen des Verbrechens trugen.

Damals wurde mein vitales Mißtrauen geboren, ich verlor die Fähigkeit des Bewunderns. Das Staunen verlernte ich nie. Ich erfuhr schon zu dieser Zeit, daß viele "Genies" (nach Nietzsche) nur ,,umgekehrte Krüppel" sind, welche von einer Sache viel zu viel, von allem anderen viel zu wenig haben. Die gesamte geile Zuschauerschaft bewundert einen Jüngling, der lediglich Tennis spielt, und stellt ihn unserer Jugend als leuchtendes Beispiel vor.

1939 mußten wir einem Papst zujubeln, der mitschuldig am Holocaust wurde. Im gleichen Jahr durfte ich als Junge dem "Löwen von Münster", Graf von Galen, die Hand geben. Ich lernte zu unterscheiden zwischen Idolen und Idealen.

Sieben Jahre litt ich unter dem Trauma ständiger Schuld. Die Onanie war eine "schwere Sünde". Nur Gott weiß, wieviel "unwürdige Kommunionen" damals bei den obligaten täglichen Messen empfangen wurden. Und doch haben diese Klosterjahre mit Predigten, Exerzitien über die letzten Dinge, Schuld, Sünde, Sühne und Vergebung mir dazu verholfen, daß ich ein Kind Gottes wurde mit großem Vertrauen auf Gottes Langmut und Güte und verzeihende Barmherzigkeit, und daß ich unterscheiden konnte zwischen der "Frohen Botschaft" und dem durch Menschen verfälschten Amt der Kirche.
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